Coaching-Erfahrungen mit der Generation „Y“

Klischees rund um die Generation „Y“

Wenn man derzeit in Fachzeitschriften über Personalentwicklung liest, kommt man über den Begriff der „Generation Y“ nicht hinweg. Gemeint sind junge Erwachsene, die in den 80er- und 90er-Jahren geboren sind. Das Y steht dabei auch für die Sinnfrage „Why?“. Ihr Ruf als sinnsuchende Work-Life-Balance-Fanatiker eilt ihnen voraus, meine persönliche Erfahrung mit dieser Altersgruppe ist jedoch meist wenig klischeehaft. Dazu eine Geschichte aus dem echten Leben:

Anna steht mitten im beruflichen Leben, seit vier Jahren arbeitet sie in einem mittelständischen Unternehmen als Einkäuferin. Dort hat sie bisher nicht nur klug disponiert, sondern auch mit ihrem Verständnis für Zahlen die Einkäufe analysiert und weiterentwickelt. Deshalb bot man ihr auch den Job als strategische Einkäuferin an, der in sechs Monaten vakant werden soll. Nach der anfänglichen Freude über diese Chance wurde Anna aber bewusst, dass sie in ihrem neuen Aufgabenfeld auch die operative Leitung des fünfköpfigen Einkäuferteams übernehmen sollte. Bislang hatte sie noch keine Erfahrung mit der Führung eines Teams sammeln können. Dazu kam, dass in diesem Team auch ein älterer Kollege war, der schon seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet hatte, Abteilungsleiter zu werden. Da dieser Posten nicht frei war, hatte er vermutlich mit der Ernennung zum strategischen Einkäufer gerechnet.

Anna ist erst 25 Jahre alt und hin und her gerissen, ob sie den neuen Job nun annehmen soll. Was ist, wenn sich die Kollegen nicht von ihr führen lassen wollen? Sie ist sehr verunsichert und sucht die Antwort in einem persönlichen Coaching.

 

Das war die Ausgangssituation, die mir Anna bereits vor dem ersten Treffen am Telefon erzählte. Sie machte einen interessierten, motivierten und aufgeweckten Eindruck. Von ihrem Job als Einkäuferin schien sie eine Menge zu verstehen. Bei unserem ersten Treffen verabredeten wir uns in einem netten Café, das morgens nur spärlich besucht war. Ich hatte den Eindruck, dass es für Anna angenehmer war, nicht in einem Büro, sondern in lockerer Atmosphäre zu sprechen.

 

Anna erzählte über ihre Aus- und Weiterbildungen und über ihre Erfahrungen im Unternehmen. Sie vermied es jedoch, über diesen einen Arbeitskollegen zu sprechen. Als ich sie darauf ansprach, erzählte sie von einer Situation, in der er ihr vor allen Kollegen vorgeworfen hatte, unfähig und grün hinter den Ohren zu sein. Das war nun fast ein halbes Jahr her und seitdem hatte sie jeden Kontakt mit ihm gemieden. „Das ist innerhalb einer Abteilung gar nicht einfach und vor allem auch nicht förderlich“, sagte sie traurig und blickte dabei in ihren halbgetrunkenen Kaffee. Sie erzählte weiter, dass es vor ein paar Tagen zu einer weiteren, unangenehmen Begegnung zwischen ihr und dem Kollegen gekommen war.

 

Allein bei der Erzählung hatte Anna offensichtlich ein schlechtes Gefühl und sagte anschließend, dass sie für die Übernahme der neuen Aufgabe zu wenig Energie habe und überhaupt schon länger überlege, ob sie nicht den Arbeitsplatz wechseln solle. Die Stimmung im Gespräch hatte sich schlagartig geändert. Annas Mimik war hart geworden und ihre Augen hatten sich zu Schlitzen geformt. Sie saß aufrecht und ihr Oberkörper war nach vorne gebeugt. Sie wirkte plötzlich richtig aggressiv.

 

Nach dieser Wendung musste auch ich meine Herangehensweise ändern. Ich lehnte mich daher zurück, trank einen Schluck Kaffee und sah Anna aufmerksam an:

„Du solltest kündigen und dein Glück woanders suchen“

riet ich Anna und wagte kaum zu blinzeln, damit ich auch wirklich keine Micromimik meines Gegenübers verpasste.

 

Anna senkte den Blick, lehnte sich zurück und lies ihre Schultern sacken. Sie blickte aus dem Fenster und es kam mir wie eine Ewigkeit vor, in der wir schweigend dasaßen. „Ich weiß einfach nicht, wie ich diese Situation lösen soll. Wenn mich das schon überfordert, dann bin ich für den Job definitiv nicht die Richtige.“

 

Der Generation Y wird vorausgesagt, dass sie selbstbewusst, neugierig und furchtlos sei. Diese junge Frau war jedoch gerade so verletzlich und selbstkritisch, dass dieses Klischee so gar nicht passte. Wir arbeiteten einige Wochen gemeinsam und Anna schaffte es tatsächlich, den Konflikt mit ihrem Kollegen anzusprechen. Diese Begegnung machte sie stark und schenkte ihr das nötige Selbstvertrauen, um schließlich den Job als strategische Einkäuferin anzunehmen.

 

Es ist großartig, mit so reflektierten und willensstarken Personen zu arbeiten. Hut ab vor so viel Selbstorganisation und der großen Portion Mut. Während solcher Aufträge versuche ich, mich in die Lage meines Coachees zu versetzen und ich frage mich ehrlich, ob ich mit 25 Jahren fähig gewesen wäre, die Situation dermaßen erfolgreich zu meistern?

 

Ein Vorurteil zu dieser Generation kann ich jedoch vollauf bestätigen: Sie legt großen Wert auf gutes Arbeitsklima, authentische Unternehmenswerte und ein ausbalanciertes Wohlfühlen im Unternehmen. Die Rahmenbedingungen des Arbeitsplatzes sind viel wichtiger als die Karriere. Solche Menschen reagieren meiner Meinung nach sensibler auf Demotivation, deshalb ist die Erkennung von Demotivations-Faktoren für die Mitarbeiterbindung von jungen Erwachsenen essentiell.

 

Fotocredit: shutterstock

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